Die folgende Rezension von »Effizient lesen« erschien zum ersten Mal im Oktober 1998 in dem Organ der
Deutschen Transplantationsgesellschaft »Transplantationsmedizin«, Seite 163.
Diese Präsentation hier hat die freundliche Genehmigung der Autorin.
In der Transplantationsmedizin: Erste Hilfe bei Lesestörungen
Von Dr. med. Britta Uhde
Das 200seitige, 1995 im Gabler-Verlag erschienene Büchlein richtet sich an alle, die beruflich
viel lesen müssen und diese Tätigkeit optimieren möchten. Dies, so machen die Autoren, die sich
seit Jahren mit dem schnellen und effizienten Lesen befassen, von vornherein klar, ist
keinesfalls zu verwechseln mit dem Schnell-Lesen, bei dem Lesegeschwindigkeiten im Bereich
des 10- bis 40-fachen der normalen Lesegeschwindigkeit erreicht werden und das aufwendig
trainiert werden muß. Statt dessen werden in diesem Buch »Techniken und Strategien, effizient
zu lesen« (S. 24) vermittelt, die man sich im Gegensatz zum Schnell-Lesen im Selbststudium
erarbeiten kann.
Warum effizient lesen? Die Antwort findet sich bereits im Vorwort in dem lapidaren Satz:
»Lesezeit ist rar.« (S. 7). Nun scheint Zeit in unserem Alltag allgemein Mangelware zu sein,
aber Zeit zum Lesen zu finden ist offenbar besonders schwer. Denn wer kennt sie nicht: die
Stapel ungelesener Fachzeitschriften, die sich, geordnet nach Dringlichkeit und Stadium der
Erledigung, auf dem und in der Umgebung des Arbeitsplatzes türmen und ein Gefühl der Ohnmacht
vor der ungeheuren Informationsflut vermitteln. Was, Circulus vitiosus der resultierenden
»Lesehast« (S. 159), zu unsicherem und langsamem, also ineffizientem Lesen führt.
Ein Weg aus diesem Dilemma (neben dem hochspezialisierten Schnell-Lesen) führt über gutes
»Lese-Management«. Hiermit befaßt sich das vorliegende Buch - um mit den Autoren zu
sprechen (S. 30): -
Wie bekomme ich die erforderlichen Informationen mit möglichst wenig Zeitaufwand?
- Wie kann ich das Lesen möglichst effektiv und zeitsparend
gestalten?
- Und wie organisiere ich mein Drumherum, damit ich optimal
lese?
Diese Antworten werden in fünf großen, ihrerseits in kleinere, gut lesbare Abschnitte
gegliederten Kapiteln erarbeitet. Das erste Kapitel stellt einen Exkurs in die Leseforschung
dar. Von der Schwierigkeit, die Leseleistung zu messen, über neurophysiologische Grundlagen
des Lesens bis hin zur Lese-Ergonomie. Dabei kommt allerhand Wissenswertes
zutage:- Daß wir (fast) alle mit einer nahezu
konstanten Lesegeschwindigkeit von 240 Wörtern pro Minute lesen und daß diese Geschwindigkeit
durch das innere Mitsprechen, das »Subvokalisieren« limitiert ist.
- Daß dieses wiederum der entscheidende Mechanismus
ist, der uns hilft, unsere von der Natur begrenzte Blickspanne sicher durch den »Wortsalat«
einer ganzen Seite zu steuern.
- Daß man gleichwohl die Lesegeschwindigkeit etwas
steigem kann durch Viel-Lesen.
- Daß die Leseleistung - unter anderem durch Charakteristika
von Text und Druckbild bestimmt wird.
- Daß die Gestaltung des Arbeitsplatzes immens
wichtig ist,
- Daß (und warum) wir gutes Licht (mindestens 1000 Lux) brauchen,
- Und
warum uns Lärm und Musik, farbliche und Helligkeitskontraste so sehr ablenken.
Vieles
davon ist keineswegs neu, aber die klare und fundierte Darstellung dieser Phänomene
spornt dazu an, diese 'Weisheiten' endlich einmal umzusetzen.
Im zweiten Kapitel wird es etwas praktischer: Die Autoren stellen zunächst
ihre Version der »Textverarbeitung« vor: eine optimierte, besonders übersichtliche
Form von Notizen zum (gelesenen oder noch-nicht-gelesenen) Text, die sie »Textbild«
nennen und deren Gebrauch in den folgenden Kapiteln erklärt wird.
Das dritte Kapitel handelt vom »Überblicken mit System«: davon, wie man unter
Führung der Hand, welche die Seiten blättert, die Augen zügig durch den Text führt
und damit eine grobe Orientierung über den Inhalt gewinnt, anhand derer man
entscheiden kann, ob der Text ganz oder nur punktuell, womöglich gar nicht gelesen
oder vielleicht richtig gelernt werden muß. »Planvolles Nicht-Lesen« (S. 117)
nennen das die Autoren - konsequent angewandt bringt uns diese Methode unserem
Ziel, dem »Zeit- und Informationsgewinn«, erheblich näher.
Im vierten Kapitel schließlich ist vom »Lesen mit System« die Rede, aber noch immer
wird nicht einfach losgelesen. Vielmehr empfehlen die Autoren, sich dem zu bearbeitenden
Text Schritt für Schritt zu nähern. Dabei lautet die Devise Zielstrebigkeit. Man frage
sich: Was will ich erreichen - welche Informationen erwarte oder benötige ich? Durch
die sukzessive Anwendung zeitsparender Techniken - Überblicken, Lesen auf und Aufsuchen
von Schlüsselbegriffen, sowie punktuelles Lesen - läßt sich ein Text bereits
weitgehend erfassen, ohne ihn von vorn bis hinten gelesen zu haben.
Erst dann soll der Text (sofern überhaupt nötig) ganz gelesen und können gegebenenfalls
bestimmte Daten und Fakten herausgefiltert werden. Dies klingt zunächst recht aufwendig
und zeitraubend, zumal zu jedem dieser Arbeitsschritte jeweils ein Textbild angefertigt
werden soll, das u.a. der Dokumentation und Selbstkontrolle dient. Entscheidend aber
ist, daß nach jedem Schritt das Erreichte (anhand der Textbilder) mit dem Leseziel
abgeglichen - und der Lesevorgang abgebrochen wird, sobald das Ziel erreicht ist.
Im fünften und letzten Kapitel wird unter der Überschrift »Souverän lesen« einiges
noch einmal rekapituliert, und es wird der eine oder andere nützliche Tip
gegeben - unter anderem zum Thema »Erste Hilfe bei Lesestörungen«, die auch oder gerade
den geübten Leser heimsuchen können.
Insgesamt haben die Autoren, von Haus aus Physikerin und Pädagoge, die sich, motiviert
durch eigene leidvolle Erfahrung, über viele Jahre mit dem Thema beschäftigt haben, ein
Buch geschrieben, das hervorragend lesbar ist unter anderem deshalb, weil sie ihre
Erkenntnisse auch in der inhaltlichen und formalen Gestaltung ihres Buches konsequent
umgesetzt haben. Es erscheint wissenschaftlich fundiert und beschränkt sich dennoch
auf das Wesentliche, ohne sich in endlosen, von Fremdwörtern strotzenden
neurophysiologischen Abhandlungen zu verlieren. Nicht zuletzt kann man es
auch als eine praktische Anleitung zum besseren Lesen verstehen. Die erworbenen
Erkenntnisse in die Tat umzusetzen und mit den Mißständen am eigenen Arbeitsplatz
aufzuräumen, bleibt selbstverständlich in der Verantwortung des Lesers. Die Grundlagen
dafür - und eine gehörige Portion Motivation - werden durch das Buch des Ehepaares
Michelmann allemal vermittelt.
Der INHALT von »Effizient lesen«
- 1. Zum Umgang mit diesem Buch:
Das ist ein Lesebuch. Streifen Sie darin umher, und lesen Sie, wo Sie mögen. Suchen
Sie sich aus, was Sie gebrauchen können.
- 2. Zwei Lesegeschichten:
Durch Lesenot und Lesestörung kamen
die beiden Autoren - über manche Irrwege -
zum effizienten Lesen.
KAPITEL I: Fakten zum Lesen
-
3. Die Augen
Gar nicht banal: Wer besser lesen will,
muß gut sehen können.
- 4. Wenn aber das Lesen Arbeit ist
... tritt der Spaß daran zurück. Doch darüber
gibt es kaum Erkenntnisse.
- 5. Was im Kopf passiert - wie kann man das messen?
Ob jemand ein guter Leser ist, wer kann das
beurteilen? Doch nur er selbst.
- 6. Das Auge funktioniert wie eine Kamera.
Die Analogie zum Fotoapparat hilft,
das Sehen zu verstehen. Man darf sie aber
nicht zu weit treiben.
- 7. Mit fünf Grad Blickspanne - ein Fünfmarkstück sehen.
Wie Sie Ihren Leseblick selbst berechnen
können.
- 8. Pünktchen, Pünktchen ...
Oder: Was sehen wir lesend?
Was die Augen können könnten, darüber gibt
es viele Meinungen.
- 9. Die berechenbare Größe Blick - ein Modell
Die Blickspanne kann nicht erweitert
werden - denn die Augen haben kein
Weitwinkelobjektiv.
Zwischenbemerkung: Was ist das - ein Modell?
- 10. Unsere Lesetheorie - und der Wörtersalat im Blick:
Warum Sie sehr leichte Texte manchmal
einfach nicht lesen können. An Konzentration
mangelt es zumeist nicht.
- 11. Die Augen blicken kreuz und quer.
Zum Lesen eignen sich die Augen schlecht.
Zwischenbemerkung:
Die Reiz-Hierarchie - Wem gehorchen unsere Augen?
- 12. Der Lesemensch - ein Murmel-Tier: Wer liest, spricht mit. Und weil es nicht
zu hören ist, glaubt es kaum jemand.
Rasch informiert: So lesen wir
- 13. Lesen und Geschwindigkeit:
Je heller das Licht ist, desto schneller
blickt das Auge.
- 14. Lesetempo ist gleich Sehtempo.
Ein Blick, ein Wort: das natürliche Lesetempo.
Zwischenbemerkung:
Unglaubliche Geschwindigkeit.
- 15. Der Leseplatz: Mindestens 1 000 Lux - aber bitte blendfrei!
- 16. Ergonomie - die Lesemedizin?
Wir versuchen, die Ergonomie des Lesens
zu entdecken.
- 17. Computerfische stören beim Lesen.
Bewegung macht das Lesen schwer.
- 18. Kontraste lenken ab.
Wenn im dunklen Leseraum grelles Licht
den Text beleuchtet ...
Rasch informiert:
Was beim Lesen stört.
Zwischenbemerkung:
Ein wenig schneller stört.
- 19. Sehen ist Datenarbeit im Kopf.
Fernblick macht die Linse dünn:
der Autofokus unserer Augen.
KAPITEL II: Ein Bild vom Text - das Textbild
- 20. Textbild im Gespräch.
Haben Sie das Wesentliche im Blick,
verhandeln Sie stets mit Übersicht.
- 21. Die Gedanken strukturieren.
Prüfen Sie den Text auf Logik -
mit dem Lesebild.
- 22. Ihr erstes Bild vom Text.
Textbilder erstellen Sie bereits vor dem Lesen:
die Analyse wird profunder, der Informationsgewinn größer, das Leseziel sicherer erreicht.
- 23. Wichtiges herausfiltern.
Keine Panik, wenn nichts dabei herauskommt.
- 24. Dialog über den Inhalt.
So üben Sie, Textbilder herzustellen.
- 25. Vom Einfall zum Schlüsselwort.
So bringen Sie Struktur in Ihre Textbilder.
Rasch informiert:
Textbild-Sorten.
- 26. Textbild-Ergonomie gegen Textbild-Unfälle.
Tips und Tricks für gute Textbilder.
KAPITEL III: Überblicken mit System
- 27. Stapeln statt lesen?
Diagonallesen nützt Ihrem Lesen wenig.
- 28. Brauchen Sie Lesenachhilfe?
SQRRR-Methode: für das Lernen vielleicht
sinnvoll, für das Lesen sicher nicht.
Zwischenbemerkung: »Effektivizient?«
- 29. 150 Seiten in 75 Sekunden.
Unsere Alternative zum herkömmlichen
Diagonallesen: das Überblicken mit System.
- 30. Textbilder steuern punktuelles Lesen.
Mit einem Buch strategisch vorgehen.
- 31. Denken statt lesen.
Nicht gleich loslesen, sondern taktisch
vorgehen - mit dem Textbild.
KAPITEL IV: Lesen mit System
- 32. Planvoll lesen contra Lesezwickmühle.
Wie Sie mit viel Lesestoff umgehen, den Sie
unbedingt durcharbeiten müssen.
- 33. Erst denken - dann lesen.
Noch mehr Lesetaktik.
- 34. Lesen oder Lernen? Für Leseprofis keine Frage!
Gut lesen heißt nicht: alles lernen. Lesen oder
lernen Sie - aber lesen Sie nicht lernend.
- 35. Der Finger als Suchgerät.
Unvermutete Fähigkeiten stecken im Zeigefinger.
Den Finger schwingend finden Sie wichtige Wörter.
- 36. Daten, Fakten und (Lern-)Kartei.
Exzerpieren und Markieren - wie Sie
Ihre Texte besser behandeln.
Zwischenbemerkung:
Vor dem Lesen zerlegen.
KAPITEL V: Souverän lesen
- 37. Lesen ohne Hast.
Eigentor Lesehast: Warum Sie nicht
durch Texte hetzen sollten.
Rasch informiert: Im Teufelskreis der Lesehast.
- 38. Das Notenlesen und die Sprachmusik. Sie verstehen Texte, indem Sie diese
erklingen lassen. Das erklärt so manches
Lesephänomen.
- 39. Leseschnecke oder Textwiesel.
Wieso Ihr Lesetempo nicht von Ihnen abhängt.
- 40. Mit Kinderreimen wieder lesen lernen.
Sie schlafen beim Lesen gut ein? Das kann
auch eine Lesestörung sein.
- 41. Mitsprechen versteht den Wörtersalat - meistens.
Auch wer nichts versteht, kommt gut im Text
voran. Und ganz ohne Klang geht Lesen auch.
- 42. Viel lesen macht schnell.
Sie steigern Ihre Lesegeschwindigkeit gefahrlos
und zuverlässig - indem Sie nach Gefühl lesen.
- 43. Aus vier wird eins: Die Schnellen sind unter uns.
Viel-Lesen beschleunigt - Training aber
eher nicht.
- 44. Vorsicht bei Beschleunigern!
Simple Methoden.
- 45. Grenzgänger lesen gefährlich.
Warum sich erfahrene Leser besonders
hüten müssen.
- 46. Die Lautmechanik pflegen.
Genüßliches Vorlesen ist langsam,
aber es pflegt Ihr Arbeitslesen.
- 47. Konzentration wird K(r)ampf.
Sie können sich nicht konzentrieren wollen.
- 48. Ist Subvokalisieren Sünde? Sprich alles oder nichts!
Unglaubliche Lesegeschwindigkeiten
sind möglich.
- 49. Schnell-Leser haben Weitblick.
Das Ergebnis: 400 Seiten in 40 Minuten.
- 50. Das Schnell-Lesen.
Ohne Meditation: Schnell-Lesen ist ein Handwerk.